Glauben in unserer Zeit
" Doch wird wohl der Sohn des Menschen, wenn er kommt, den Glauben finden auf der Erde?" - Luk. 18:8
S IST EINE FRAGE, die der Herr hier stellt; und sie geht weit in die Zukunft - in damals noch ferne Zeiten, hin auf die Zeit seines zweiten Kommens.

Und es ist der Christ von heute, dem sich diese Frage stellt. Jesus deutet auf eine Krisis des Glaubens hin, indem er also fragt, auf das Eintreten einer Glaubenskrise am Ende der Tage, am Ende des Evangeliumszeitalters.

Sicher ist es nicht abwegig, uns einmal mit der Frage zu beschäftigen, ob heute der Glaube seltener, ob es heute schwieriger geworden ist zu glauben. Wir dürfen diese beiden Fragen gleich mit einem "Ja" beantworten. Es ist tatsächlich so, daß immer mehr Menschen, die sich Christen nennen, auch den letzten Kontakt mit Gott verlieren. Die große Mehrheit ist völlig unzugänglich, wenn es sich um Glauben handelt. Aber auch jene, die den Glauben bewahrt haben, sind heute viel stärkeren Gefahren als ehedem, und erhöhtem Druck ausgesetzt.

Wir werden noch darauf zurückkommen.

Wenn wir die Frage erheben: "Was ist denn eigentlich Glaube?", dann erinnern wir uns unwillkürlich an jene bekannte Hebräerstelle Kap. 11:1 "Der Glaube aber ist eine Verwirklichung dessen, was man hofft, eine Überzeugung von Dingen, die man nicht sieht" Und Vers 3 gibt dem Sinn des Glaubens eine ganz große Charakterisierung:

"Durch Glauben verstehen wir, daß die Welten durch Gottes Wort bereitet worden sind, so daß das, was man sieht, nicht aus Erscheinendem geworden ist", allso nicht aus Dingen, die mit den Sinnen wahrgenommen werden können.

Damit wird uns eine Rangordnung gezeigt, die von ungeheurer Bedeutung für alles geistige Verstehen und für die Bewertung aller materiellen und sichtbaren Erscheinungen ist. Dieser Vorrang des Geistes gegenüber dem Materiellen und Sichtbaren ist entscheidend für das Glaubensvermögen, die Glaubensschau. Alles Geschaffene kann nur durch die Kraft des Geistes Gottes werden, ist nur durch diese geworden und kann auch nur durch diese Kraft bestehen. Das Sichtbare ist durch die unsichtbaren, geistigen, göttlichen Kräfte entstanden; es ist auch stets von diesen geistigen Kräften abhängig. Gott, der Schöpfer, ist in der Tat DER, welcher trägt und erhält.

Diese Rangordnung richtig zu sehen und anzuerkennen, gehört zu den Voraussetzungen des Glaubens. Gott tut sie durch das Sichtbare kund, "denn das Unsichtbare von ihm, sowohl seine ewige Kraft als auch seine Göttlichkeit, die von Erschaffung der Welt an in dem Gemachten wahrgenommen werden, wird geschaut, damit sie ohne Entschuldigung seien." -. Röm. 1:20

Also wäre ein gewisser Grad des Glaubens allen Menschen zugänglich; denn Gott wird in dem Geschaffenen geschaut. Jede Blume, jeder Baum, jede Blüte und jede Frucht - alle sind sie Kundgebungen der Gedanken und des Wesens Gottes. Der Schöpfer offenbart sich im Kleinsten, und er zeigt sich auch im Großen, im Unermeßlichen:

"Wenn ich anschaue deinen Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: Was ist der Mensch, daß du sein gedenkst, und des Menschen Sohn, daß du auf ihn achthast?" - Ps. 8:3,4

Der Mensch ist nicht nur Leib. Er ist auch Geist. Auch wenn er keine "unsterbliche Seele" in sich trägt, so hat ihm der Schöpfer doch mehr gegeben als nur den Leib und dessen natürliche Funktionen. Er hat ihm auch ein "Herz" gegeben, d. h. ein geistiges Organ des Fühlens und Empfindens, und hierin ist das Gewissen eingeschlossen. Ja, das Gewissen ist es, das dem Menschen nicht nur eine bloß äußerliche Gestalt gibt, sondern ihm auch ein geistiges Leben verleiht - ein Profil, das sich nun natürlich mehr oder weniger ausgeprägt zeigt. Und ob der Mensch gütig oder böse ist, so trägt er doch sein geistiges Antlitz; und er kann es nicht verleugnen, auch wenn er selbst noch so sehr den Geist leugnet.

Wenn nun ein menschliches Wesen aber wegen seines Leibes Bedüfnisse hat wie Hunger und Durst, Schlaf und Bewegung, Ruhe und Anstrengung, Spannung und Entspannung, so geht es seinem geistigen Teil gar nicht anders. Auch der geistige Teil im Menschen hat seine Bedürfnisse. So wenig der Mensch ohne Schaden und ungestraft seine leiblichen Bedürfnisse vernachlässigen oder gar verleugnen darf, ebensowenig darf das in geistiger Hinsicht geschehen. Eine geistige Verkümmerung ist für den Menschen gefährlicher und folgenschwerer als eine körperliche. Ja, die Schrift spricht das noch viel schärfer aus. So sagt Paulus in Eph. 5:14:

"Deshalb sagt ER,: Wache auf, der du schläfst, und stehe auf aus den Toten, und der Christus wird dir leuchten!" Zu den Nachfolgern Christi jedoch spricht er in Eph. 2:4-6:

"Gott aber, der reich ist an Barmherzigkeit, wegen seiner vielen Liebe womit er uns geliebt hat, als auch wir in den Vergehungen tot waren, hat uns mit dem Christus lebendig gemacht - durch Gnade seid ihr errettet - und hat uns mitauferweckt und mitsitzen lassen in den himmlischen Örtern in Christo Jesu."

Im Sinne der Schrift also ist jemand, der nicht glaubt, tot. Es mag ein Mensch im Sinne der Welt geistig recht hochstehend sein, ja, deshalb sogar berühmt - sei es als Gelehrter oder Künstler, als Schriftsteller oder Dichter: Wenn er nicht Glauben hat d. h. wenn seine Denk- und Willensrichtung nicht zu Gott hingewandt ist, so ist er in Gottes Augen doch ein Toter. Er ist nicht ansprechbar für Gottes Stimme; das Ohr dazu fehlt ihm. Und er ist geistig blind, weil er Gott nicht erkennt, und nichts aus dieser Richtung erwartet und kommen sieht. Dabei liegt die Verantwortung für das Nichthören und Nichtsehen zum großen Teil bei den Ungläubigen selbst, denn Gott wird im Geschaffenen geschaut. Es gibt eine Offenbarung Gottes durch das Sichtbare; und wer diese Offenbarung Gottes nicht anerkennt, sie leugnet, ablehnt oder umdeutet, der hat keine Entschuldigung vor Gott:

"Weil sie, Gott kennend, ihn weder als Gott verherrlichten, noch ihm Dank darbrachten, sondern in ihren Überlegungen in Torheit verfielen, und ihr unverständiges Herz verfinstert wurde: indem sie sich für Weise ausgaben, sind sie zu Narren geworden." - Röm. 1:21,22

Wie könnte es auch anders sein? Es gibt im Grunde ja doch nur e i n e  Weisheit, und es gibt nur e i n  Wissen, das dem Menschen wirklich hilft.

Freilich gibt es die Intelligenz; es gibt eine Gedankenschärfe, die den Menschen befähigt, gewisse Erkenntnisse und Schöpfungen in Technik und Wissenschaft zu erreichen, die erstaunlich sind. Aber d i e  Weisheit, die von Gott kommt, gibt Frieden und Ruhe; und sie befriedigt nicht nur den Verstand, sondern eben auch das Herz und das Gewissen.

Nur Intelligenz ohne Weisheit von Gott, die das Ganze umfaßt und für das Ganze und für alle da ist - nur Intelligenz ist gefährlich, ja, wir möchten sagen: sie ist schrecklich; denn wo die göttliche Weisheit fehlt, da fehlen die guten hemmenden und bewahrenden Einsichten. Es fehlen da die richtigen Maße und Begrenzungen.

Heute mangelt es den meisten Menschen an Glauben, weil die sichtbare und spürbare Wirklichkeit eine scheinbare Unabhängigkeit vorspiegelt. Die Errungenschaften von Technik und Wissenschaft begünstigen eine zum Teil frevelhafte Selbstherrlichkeit. Sie verführen dazu, des Menschen Möglichkeiten zu überschätzen, und damit geht eine Entgeistigung und Verflachung Hand in Hand.

Ein hervorstechendes Merkmal ist der Verlust an Ehrfurcht - Ehrfurcht vor Gott und vor den Menschen. Ehrfurcht vor Frau und Mann, vor den Eltern, vor den Kindern, vor dem Leben und vor dem Tod. Ehrfurcht insbesondere vor einer ewigen Wahrheit, vor einer absoluten Gerechtigkeit. Ehrfurcht vor einer Liebe, die nicht selbstsüchtig das Ihrige sucht. Und letztlich - als Grundlage unseres geistigen Lebens überhaupt, die Ehrfurcht, die uns unsere Kleinheit und Abhängigkeit vor dem ewigen Schöpfer und Erhalter zum Bewußtsein bringt: wahre Demut. Ohne diese Ehrfurcht aber ist kein Glaube möglich.

Deshalb brauchen wir uns wirklich nicht mehr zu verwundern über die Frage unseres Herrn: " Wird wohl der Sohn des Menschen, wenn er (wiederum) kommt, den Glauben finden auf der Erde?! - Luk. 18:8

Nein - er findet ihn nicht. Es sind einzelne, dort eines und hier eines, ganz umschlossen und umringt von den Unzähligen, die nicht glauben. Heute stehen wir in einer Krise des Glaubens, und diese Krise spüren wir auch an uns. Krise (griech.: krisis) heißt "Entscheidung." Sie ist der Höhepunkt aller Anstrengungen. Durch die Belastungen, die an uns herantreten, werden wir dringlicher dazu angetrieben, zu überprüfen, was Festigkeit und Halt zu geben vermag, und was im tiefsten Grunde unsere Hoffnung ist. Es ist gut für uns, daß wir diese Hoffnung nicht nur in geläufigen Worten auszudrücken vermögen, sondern daß sie wirklich unser Herz tröste und ergreife. Das ist zuzeiten notwendig; es wird uns dabei tröstlich bewußt, daß wir durch den Glauben etwas Unerschütterliches in uns haben dürfen - etwas, das nicht abhängig ist vom Geschehen dasTages und vom Dahinschwinden unseres Lebens; auch nicht abhängig vom Willen des Menschen und auch nicht vom Zerfall oder Schicksal. Vielmehr haben wir da ein Geschenk in uns, das Gott uns gibt, etwas Ewiges, das uns bleibt, auch wenn sonst alles um uns herum wandelt und dahingeht.

Die "Krise der Welt" ist in Wahrheit eine Krise des Glaubens. Es ist die Krise einer Menschheit, die sich zu weit entfernt hat von ihrem Schöpfer und Erhalter. Und das ist unser Kampf, daß unser Glaube nicht abnehme, daß er uns nicht genommen und nicht geraubt werde. Unser Glaube gibt uns den Sieg, um den Weltgeist zu überwinden. Er ist unser Kompaß in der Richtungslosigkeit und der Anfälligkeit der Vielen für die Lüge und den Betrug des Widersachers.

Für uns ist der Glaube ein inneres Geführtsein. Er bewahrt uns. Durch ihn haben wir eine Hoffnung, die uns tröstet und ermutigt. Der Glaube zeigt uns einen Weg, den wir zu gehen vermögen, auch wenn er manchmal schwer ist.

Es gibt nicht viele Menschen, die sich ein hohes Ziel gesteckt haben. Duch den Glauben dürfen wir zu den Wenigen zählen, welche nach einem wunderbaren Ziel streben. Daß wir es erlangen, dazu wird uns Gnade dargereicht; denn dem Glaubenden wird eben als Belohnung diese Gnade zuteil. Glaube bewirkt Gnade!

"Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christo Jesu, nachdem ihr eine kleine Zeit gelitten habt, er selbst wird euch vollkommen machen, befestigen, kräftigen, gründen." - 1. Pet. 5:10

Der wahre Glaube führt uns in die geistige Gemeinschaft mit Gott, zur Geisteseinheit mit ihm. Unter solcher Voraussetzung kann Gott zu uns reden. Aber tut er das auch? Ist es nicht Einbildung, zu erwarten, daß er mit uns redet? Wir lesen in Röm. 8:16: "Der Geist selbst zeugt mit unserem Geist, daß wir Kinder Gottes sind", dann, wenn unser Fühlen und Wollen mit dem göttlichen Geist übereinstimmt. Der Geist bedient sich vieler Mittel, um zu uns zu reden. Es ist an uns, unser Ohr auf diese Stimme hin einzustellen. So wird Gott zu uns reden. Es ist an uns, unser Ohr auf diese Stimme hin einzustellen. So wird Gott zu uns reden. Er offenbart sich einem jeden Glaubenden. Oft wohl nur im Kleinen; aber auch die großen Ausblicke brauchen nicht zu fehlen. Es hängt von der Intensität unseres Glaubens ab. Unsere Herzen müssen eben von brennendem Verlangen für die geistigen Dinge erfüllt sein.

Wir dürfen daher sagen, daß Gott mit einem jeden redet, der aufrichtigen Herzens glaubt.
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