MANCHMAL
WIRD in einem etwas abschätzigen Sinne unter Gläubigen, über
biblische Erkenntnis gesprochen. Man beruft sich dabei gerne auf Aussprüche
des Apostels Paulus, wie z.B.: Unsere Erkenntnis ist Stückwerk",
oder: Die Erkenntnis wird weggetan werden, die Liebe vergeht nimmer";
und ganz besonders: Die Erkenntnis bläht auf, die Liebe aber erbaut".
-s. 1. Kor 13:8,l0;8:1
Gewiß, in diesen Apostelworten wird die Erkenntnis der Liebe gegenübergestellt, und sie scheint dabei allemal den kürzeren zu ziehen. Andererseits aber haben wir genügend Beweise, daß Paulus durchaus kein geringes Gewicht auf die Erkenntnis legt. Betet er nicht für die Epheser zu Gott, daß Er euch gebe den Geist der Weisheit und Offenbarung in der Erkenntnis Seiner selbst, damit ihr, erleuchtet an den Augen eures Herzens, wisset welches die Hoffnung Seiner Berufung ist"? (Eph. 1:17,18) Auch Petrus wünscht, daß wir wachsen in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus". - 2. Pet. 3:18
Es verhält sich also offenbar so: die Erkenntnis darf dem Gläubigen nicht als Endziel seiner Bemühungen - und als Selbstzweck erscheinen. Sie ist nur ein Mittel zum Zweck, und dieser ist die Liebe. Um diese Liebe Gottes, die ausgegossen ist in unsere Herzen durch den heiligen Geist, welcher uns gegeben worden ist" (Röm. 5:5), muß es uns in erster Linie zu tun sein.
Die Erkenntnis ist aber ein Mittel, um unsere Liebe zu fördern. Wären wir vollkommen in der Liebe, so bedürften wir der Erkenntnis nicht mehr, oder vielmehr: wir würden sie dann in hinreichendem Maße besitzen. Denn die Liebe Gottes - in unsere Herzen ausgegossen - handelt sicherlich nicht ohne genaueste Erkenntnis der Regeln göttlicher Weisheit. Wer in dieser Liebe ist, bleibt also allezeit in Übereinstimmung mit der Erkenntnis, die uns durch die Heilige Schrift zuteil wird.
Wenn jemand d a s vergessen sollte und Erkenntnissuche um ihrer selbst willen betreiben würde, wenn er der Erkenntnis nachjagte, um Wissen zu erlangen und durch Wissen Macht - Macht über diejenigen Glieder der Ekklesia, die es in der Erkenntnis noch nicht so weit gebracht haben - dem könnte Erkenntnis allerdings zu einem höchst gefährlichen Fallstrick werden.
Im Hinblick auf eine solch einseitige Pflege der Erkenntnis sagt Paulus, daß diese aufblähe", und daß sie auf jeden Fall weniger wichtig sei als die Liebe. Er wußte, daß Wissen frei macht und Überlegenheit gibt - und damit auch eine gewisse Macht. Darum muß die Liebe der Erkenntnis das Gegengewicht halten, damit der Jünger Jesu nie der Versuchung erliegt, die Macht des Wissens zu mißbrauchen.
Im achten Kapitel des ersten Korintherbriefes zeigt uns der Apostel, daß die Erkenntnis immer nur in einer dienenden Stellung zu bleiben hat, ja, daß sie durch die Liebe in ihre Schranken gewiesen werden muß. Es handelt sich in diesem Text um die Frage, ob Christen von dem Fleisch von Götzenopfern essen dürfen, das offenbar auf dem Markt feilgeboten wurde.
Paulus erklärt, sie dürften das ohne Bedenken tun, denn Götzen seien ja nach ihrer Erkenntnis nur Nichtigkeiten. Er rät aber den erleuchteteren Brüdern, dennoch darauf zu verzichten, wenn es unter ihnen Glaubensschwache gäbe, denen noch eine gewisse Furcht vor diesen falschen Göttern anhafte, und die bei solchem Genuß Gewissenskonfiikte bekommen. Der im Glauben noch schwache Bruder soll nicht meinen, man dürfe unbedenklich heidnische und christliche gottesdienstliche Gebräuche vermischen.
Um der Schwachen willen sollten die Erkennenden sich also so verhalten, als ob sie (diese Freiheit im Glauben) nicht erkennten.
Nutzlos kann die Erkenntnis aber auch werden, wenn sie nur einem kleinen Teil der Glieder der Ekklesia zugänglich wäre, wenn sie z. B. ein Spezial-Studium erfordern würde. Schwer zu verstehende chronologische Abhandlungen oder kulturgeschichtliches Wissen, Spezialgebiete wie Geschlechtsregister oder die Beherrschung der griechischen und der hebräischen Sprache sind der Gemeinde Jesu offenbar nicht vonnöten. Darum müssen solche Studien nicht mit ausschließlicher Hingebung betrieben werden, weil sie oft nur Wissen anhäufen, ohne eine entsprechende Geistesfrucht zu bringen. Wäre ein solches Vielwissen" notwendig, würden ja die meisten Geschwister den gelehrten Brüdern" gegenüber im Nachteil sein und von ihnen geistig abhängig werden; aber gerade das hat Jesus ja nicht gewollt. Sagt er doch: Ihr aber; laßt euch nicht Rabbi nennen; denn einer ist euer Lehrer, ihr aber seid alle Brüder." - Mat. 23:8
Sehen wir aber ab von der einseitigen Überschätzung der Erkenntnis und von ihrem Mißbrauch, wie wir ihn hier gezeigt haben, dann müssen wir andererseits sagen, daß das Wort Gottes von jener Geringschätzung der Erkenntnis, wie man sie hie und da findet, weit entfernt ist
Der Erkenntnistrieb - der Wunsch, Erkenntnis zu erlangen über Gott und Welt, über Tod und Leben, ist ja an sich einer der edelsten Züge der menschlichen Natur. Wo dieser Trieb verkümmert oder unterdrückt wird, ergibt sich ein Absinken des Menschen auf eine niedere Stufe. Umgekehrt verdanken wir diesem Erkenntnisstreben alle Kulturfortschritte. Aus dem Mißbrauch der Erkenntnis und der damit gewonnenen Macht ist auch wieder viel Zerstörung und Verderben hervorgegangen. Es zeigt sich eben, daß ohne Christus, ohne die zügelnde Herrschaft der Liebe, alle menschliche Begabung sich letzten Endes in Fluch verwandelt.
Das ist aber kein Grund dafür, die Erkenntnis auch da für gefährlich zu erklären, wo die Liebe Christi als Regulator vorausgesetzt werden darf.
Unter solchen Umständen wird sich der Erkenntnistrieb höchst fruchtbar auswirken und die Erkenntnis eine unersetzliche Gabe sein zur Auferbauung eines christlichen Glaubens und Lebens.
Wozu hat uns sonst Gott sein Buch, die Heilige Schrift, gegeben? Wozu, wenn nicht, daß wir daraus Erkenntnis der Wahrheit gewinnen, die ja eine Voraussetzung dafür ist, daß wir zur Gotteskindschaft gelangen? Je klarer ich die Wahrheit erkenne, desto fester besitze ich sie - und sie mich!
Die Erkenntnis der Wahrheit erst setzt mich in den Stand, ein christliches
Leben zu führen, meinen Glauben aufzuerbauen. Sie fördert damit
alle christlichen Tugenden - den Glauben, den Gerechtigkeitssinn, den Frieden,
die Liebe. In den Sprüchen Salomos werden Erkenntnistrieb und Weisheitsverlangen
gepriesen mit Worten wie: Mein Sohn, wenn du Verstand suchst wie Silber
und wie nach verborgenen Schätzen ihm nachspürst: dann wirst du
die Furcht Jhwhs verstehen und die Erkenntnis Gottes finden. Denn Jhwh gibt
Weisheit; aus seinem Munde kommen Erkenntnis und Verständnis. ... Dann
wirst du Gerechtigkeit verstehen. ... Besonnenheit wird über dich wachen,
Verständnis dich behüten: um dich zu erretten von dem bösen
Wege." -Vgl. Spr. 2:1-18
Erkenntnis muß heiß begehrt werden; es muß danach gesucht werden wie nach dem Gold in Bergesschächten. Das Gebäude unserer Wahrheitsbegriffe muß auch immer wieder auf seine Standfestigkeit hin untersucht werden. Darum ist es ja gut, wenn unser Glaube angefochten wird und immer wieder Erkenntnisfragen unter Gottes Volk aufgeworfen werden, so daß jeder einzelne sich aufgefordert sieht, zu entscheiden, was ihm als Wahrheit gilt - und was nicht. Wenn sich unsere Überzeugung in der Nachprüfung als richtig erweist, so wird sie damit um so fester. Aber auch, wenn wir unsere Ansichten haben berichtigen müssen, hat der Glaube an Festigkeit gewonnen.
Gott gibt Weisheit", sagt Salomo. Und was für eine Weisheit! Der Apostel Paulus schreibt, daß im Geheimnis Gottes alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen" seien. - Kol. 2:3
Ist das nicht etwas viel behauptet? Was gibt es nicht für Wissensschätze in der Welt! Schon die alten Ägypter waren berühmt wegen ihrer Weisheit. Und ein Moses war unterwiesen in aller Weisheit der Ägypter". (Apg. 7:22) Doch sehen wir, daß es keineswegs diese Weisheit war, die ihn zum Führer über das Volk Israel befähigte. Das war vielmehr die göttliche Weisheit, der Geist Christi, der in ihm war, so daß er sich weigerte, ein Sohn der Tochter Pharaos zu heißen", und vorzog, mit dem Volke Gottes Ungemach zu leiden, als die zeitliche Ergötzung der Sünde zuhaben". - Hebr. 11:24,25
Und was ist es, das dem Apostel Paulus einen Vorzug gibt in unseren Augen? Etwa, daß er zu den Füßen des weisen Gamaliel saß und bedeutende theologische Studien machte? 0 nein, Das alles erachtete er als Dreck und Verlust wegen der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu". - Phil. 3:8
Dies ist göttliche Weisheit, wie sie der natürliche Mensch nie erfassen wird, dem nur die Weisheit dieser Welt zugänglich ist. Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, auf daß wir die Dinge kennen, die uns von Gott geschenkt sind." (1. Kor 2:12) Dieser Geist erforscht alles, auch die Tiefen Gottes". - 1. Kor. 2:10
Wir beneiden vielleicht Menschen, denen es vergönnt ist, sich eine höhere Bildung anzueignen, Sprachen zu erlernen. Doch seien wir vielmehr Gott dankbar; daß es ihm gefallen hat, uns sein Wort in unserer Muttersprache zu schenken. Daraus gewinnen wir eine Weisheit, die von unvergänglicher Bedeutung sein wird. Es wird ja einmal die Zeit kommen, da Sprachenkenntnisse hinfällig werden, indem alle eine Sprache sprechen werden.
Aber wie viele verschiedene Wissenschaften und Weisheiten kennt doch die Welt! Wir wollen nicht geringschätzig davon sprechen. Die Frage ist aber: Brauchen wir das alles? Enthält es Ewigkeitswerte für uns? Sicherlich nicht! Wie bald wird das meiste von diesen Erkenntnissen veraltet sein! Von einem Erkenntnishunger dieser Art spricht der Prediger Salomo, wenn er sagt:
Ich richtete mein Herz darauf, alles mit Weisheit zu erforschen und zu erkunden, was unter dem Himmel geschieht: ein übles Geschäft, das Gott den Menschenkindern gegeben hat, sich damit abzuplagen.
Ich habe mein Herz darauf gerichtet, Weisheit zu erkennen, und Unsinn und Torheit zu erkennen; ich erkannte, daß auch das ein Haschen nach Wind ist. Denn bei viel (weltlicher) Weisheit ist viel Verdruß, und wer Erkenntnis mehrt, mehrt Kummer."
-Pred. 1:13,17,18
Damit gibt auch die Heilige Schrift die Unfruchtbarkeit eines gewissen Erkenntnisstrebens zu - einer Erkenntnis, die keine unvergänglichen Lebenswerte zu schaffen vermag.
Das aber ist das Eine, das nottut: eine Erkenntnis, die unvergängliche Lebenswerte wirkt.
Der Herr Jesus bietet uns diese Weisheit an. Unser Leben wird durch Seine Weisheit nicht nur günstig beeinf1ußt; es wird von Grund auf umgewertet. Wenn jemand in Christo ist, da ist eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, alles ist neu geworden". - 2. Kor. 5:17
Diese Weisheit lautet: Wenn jemand mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf und folge mir nach." (Mat. 16:24; s. a. Mak. 8:34; Luk. 9:23) Ist das nun Weisheit? Es ist die einzige Weisheit, die es gibt, denn sie führt zum Leben, wogegen alle anderen Weisheiten dieser Welt am Tode nicht vorbeikommen.
Eines Tages kommt ein reicher; junger Mann zu Jesus mit der Frage:Lehrer; welches Gute soll ich tun, auf daß ich ewiges Leben habe?" Jesus weist ihn auf das Halten der Gebote hin. Die hat der Jüngling gewissenhaft beobachtet. Dann, sagt Jesus, bleibt dir nur noch eins zutun übrig: ,,Geh hin, verkaufe deine Habe und gib (sie) den Armen . . . und komm, folge mir nach!" -Mat. 19:16-21
Sonderbare Weisheit, sein Gut zu verschleudern und unter die vielen Armen zu verteilen! Der Reiche wird arm, ohne daß die Armen reich würden. Wer so denkt, hat den Herrn sicher mißverstanden. Nicht darum handelt es sich ihm, die Armen reich zu machen, sondern diesen Reichen frei zu machen von den Fesseln des Reichtums und bereit für die Aufnahme der Weisheit Christi, die Liebe ist. Wenn er gehorcht hätte, so würde er erfahren haben, daß in Christo alle Schätze der Welt verborgen sind, und daß sein Herr ihm das Weggeschenkte hundertfach ersetzt hätte.
Verstehen wir jetzt, warum Jesus die Armen glückselig preist? (Luk. 6:20) Besonders die Armen im Geiste" (Mat. 5:3), die noch offen sind für weisen Rat, der von oben kommt! Wie glücklich wollen wir uns schätzen, daß wir Anteil haben dürfen an den Schätzen der Erkenntnis, die in Christo sind. Zu solchen sagt Jesus: Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was irgend ich euch gebiete. Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut; aber ich habe euch Freunde genannt, weil ich alles, was ich von meinem Vater gehört, euch kundgetan habe." - Joh. 15:14,15
Seine gottgeschenkte Erkenntnis will Jesus restlos seinen Jüngern mitteilen, die seine Gebote tun. Vor dem Blick unseres Herrn liegt selbst das Zukünftige ausgebreitet. Alles dieses Wissen steht zur Verfügung der Gläubigen. Wenn wir in irgendeiner Sache um Rat bedürfen, so dürfen wir den Herrn um seine Weisung bitten, und ER wird uns den allerbesten Rat erteilen, der denkbar ist, und eine Lösung zeigen, die für ewige Zeiten ihre Gültigkeit behalten wird. Denn er überblickt alles.
Nicht immer kann uns der Herr sofort offenbaren, warum er diese oder jene Weisung gegeben hat. Wir würden die Erklärung vielleicht nicht verstehen oder darüber erschrecken. Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen", sagt Jesus in der Scheidestunde zu seinen Jüngern. Aber auch in diesem vorläufigen Verbergen offenbart sich wiederum die Weisheit wie auch die Liebe unseres Herrn. Sicherlich verfährt er noch heute nach dieser Weisheit und Liebe mit seinen Jüngern. Wir sollen alles von ihm erfahren, aber nichts vor der Zeit nichts, bevor wir es tragen können. Zu den Dingen, die wir jetzt noch nicht wissen dürfen, gehört die Erkenntnis unseres dereinstigen Zustandes: Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes, und es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden; wir wissen (nur), daß, wenn es offenbar werden wird, wir ihm (Jesus) gleich sein werden." - 1. Joh. 3:2
Daß diese Beschränkung der Offenbarung notwendig ist, erkennen
wir daraus, daß ein Paulus blind wurde, als er einen Abglanz der himmlischen
Herrlichkeit Jesu zu sehen bekam. Und die alten Propheten, wenn ihnen ein
Engel Gottes erschien, wurden kraftlos, verbargen ihr Angesicht und bedurften
einer besonderen Reinigung und Stärkung, ehe sie dem Boten Gottes Rede
und Antwort zu stehen vermochten. (s. Jes. 6:2-7; Hes. 1:26 2:2; Dan. 10:4-10)
Und selbst auf Moses ging eine solche Herrlichkeit über, nachdem er mit
Jhwh gesprochen hatte, daß das Volk sein Antlitz nicht anzuschauen vermochte
und ihn bat, eine Decke über sein Angesicht zu legen, wenn er mit ihnen
sprach. Danken wir daher der Weisheit, daß sie uns barmherzig vor einem
Licht verschont, das wir nicht ertragen könnten.
Andererseits erwartet Gott, daß wir begierig seien nach der Erkenntnis
der himmlischen Geheimnisse, daß wir eifrig die Gemeinschaft und das
Vertrauen unseres Herrn Jesus suchen. Er tut uns ja den Weg kund: Das
Geheimnis Jhwhs ist für die, welche ihn fürchten." (Ps. 25:14) Von
einem Daniel lesen wir; daß er unter Gebet und Fasten - bis zu drei
vollen Wochen (Dan. 10:2) - vor Gott um Licht darüber rang, wie sich
die Zukunft seines Volkes gestalten werde. Daniel wurde Licht zuteil, aber
vor allem erhielt er das Zeugnis, daß er ein Vielgeliebter" sei,
und sein Eifer Gott wohlgefällig war.
Wenn Daniels Ringen um Erkenntnis Gott wohlgefiel, dann wird sicher auch unser Trachten nach Verständnis in göttlichen Dingen seine Billigung und seinen Segen haben.