Die Gebetsversammlung


"Sie verharrten aber . . . in den Gebeten."
Apostelgeschichte 2:42

OENN MAN die Apostelgeschichte aufmerksam liest, fällt ein deutlicher Zusammenhang zwischen dem gemeinsamen Gebet und den Wirkungen des heiligen Geistes auf. Bevor der heilige Geist in Kapitel 2 ausgegossen wurde und alle mit "heiligem Geist erfüllt" wurden, lesen wir, dass die Jünger des Herrn mit weiteren Brüdern und Schwestern "einmütig im Gebet verharrten" (Apostelgeschichte 1:14).

Einige Kapitel weiter finden wir die erste und eindrückliche Schilderung einer Gemeindegebetsversammlung, in welcher wiederum "einmütig" gebetet wurde mit einem erstaunlichen Ergebnis: "Und als sie gebetet hatten, bewegte sich die Stätte, wo sie versammelt waren; und sie wurden alle mit heiligem Geist erfüllt und redeten das Wort Gottes mit Freimütigkeit" (Apostelgeschichte 4:31). Auch bei der Schilderung der ersten Missionsreise der Apostel Paulus und Barnabas (Apg 13) erkennen wir ein ähnliches Muster: In Antiochien wird gebetet - der heilige Geist ordnet die Aussendung der Apostel an - das Evangelium wird verkündigt - Paulus wird mit heiligem Geist erfüllt - Menschen kommen zum Glauben.

In seinen Briefen macht Paulus häufig den gleichen Zusammenhang deutlich. So bittet er die Epheser häufig, anhaltend für ihn zu flehen, damit er freimütig seinen Mund zur Verkündigung des Evangeliums öffnen kann (Epheser 6:18f). Den Kolossern schreibt er: "Verharrt im Gebet und wacht darin mit Danksagung; und betet zugleich auch für uns, damit Gott uns eine Tür des Wortes auftue, das Geheimnis des Christus zu reden..." (Kolosser 4:2-3). Freimütigkeit in der Bezeugung des Evangeliums, offene Türen bzw. offene Herzen und das damit verbundene Gemeindewachstum durch das Wirken des heiligen Geistes hängt also in erster Linie und unmittelbar mit dem persönlichen und gemeinschaftlichen Gebet zusammen.

Gebetsanliegen
Natürlich ist die Verkündigung der guten Botschaft ein besonders wichtiges Anliegen für die Gebetsversammlung. Aber es gibt eine Menge weiterer Aufgaben und Nöte, die uns als Gemeinde zum gemeinsamen Gebet anhalten sollten. Ein Beispiel dafür finden wir ebenfalls in der Apostelgeschichte: Als Petrus von Herodes ins Gefängnis gesteckt wurde, kam die Gemeinde in Jerusalem spontan im Haus der Maria zusammen, um "anhaltend für ihn zu Gott zu beten" (Apostelgeschichte 12:5).

Diese Gebetsversammlung war offensichtlich nicht auf 1 Stunde begrenzt, denn als Petrus mitten in der Nacht von einem Engel aus dem Tiefschlaf geweckt und durch offene Türen aus dem Gefängnis geführt wurde, suchte er das Haus der Maria auf, wo die Gemeinde immer noch zum Gebet versammelt war (Vers12).

Wir sollten dringend und viel mehr als bisher für allein stehende Geschwister beten, die um des Evangeliums willen leiden oder verfolgt werden. Weiter werden wir aufgefordert, für unsere Obrigkeit zu beten, für Kranke, für abgeirrte oder in Sünde verstrickte Geschwister usw. (vgl. 1.Timotheus 2:1-2; Jakobus 5:16). Anhaltendes gemeinsames und persönliches Gebet wird auch hier Türen öffnen, Ketten sprengen und Kranke heilen, wenn es Gottes souveränem Willen entspricht. Beachten wir, dass wenige Verse vor dem Bericht der Befreiung des Petrus die Hinrichtung des Apostels Jakobus mitgeteilt wird. Sehr wahrscheinlich ist für ihn nicht weniger als für Petrus gebetet worden!

Der Nutzen des gemeinsamen Gebets
Wenn wir alleine beten, konzentriert sich der Großteil unserer Gebete auf uns selbst. Wenn wir zusammen beten, werden auch die Gebetsanliegen allgemeiner. Das ist der Punkt, den wir besonders am gemeinsamen Gebet mit anderen lieben sollten. So kann man zur Gebetsversammlung kommen und für eine bestimmte Zeit sich auf ein gemeinsames Anliegen konzentrieren. Auf diese Weise entsteht Einheit und persönliche Sorgen erscheinen plötzlich wieder in der richtigen Perspektive oder verschwinden sogar ganz. Wir haben bereits verschiedene Beispiele aus der Apostelgeschichte betrachtet, in der die Mitglieder der Urgemeinde gemeinsam beteten.

Wenn auch Bibelwochen weitgehend aus der Mode gekommen sind, so gibt es doch hier und da noch Bibeltage. Aber wo gibt es Gebetswochen oder Gebetstage? Gebetsnächte kennen wir fast nur noch aus älteren Büchern und Biographien - woran liegt das? Sicherlich ist der Besuch und die Intensität unserer Gebetsversammlungen ein Spiegel unseres persönlichen Gebetslebens. Wer zu Hause täglich nur 5 Minuten im Gebet zubringt, wird kaum Interesse daran haben, mit der Gemeinde 30 oder 50 Minuten oder länger zu beten!

Gebetsversammlungen sind nicht da, um etwas zu empfangen, sondern um etwas zu geben: Zeit, Interesse und Anteilnahme für Gottes Anliegen und für die Freuden und Leiden unserer Mitgeschwister und Mitmenschen.

Natürlich kann und soll man zu Hause beten. Aber Gott hat auf das gemeinsame und einmütige Gebet eine besondere Verheißung gelegt (Matthäus 18:19-20). Das setzt allerdings voraus, dass in der Gebetsversammlung für konkrete Anliegen der Gemeinde gezielt gebetet wird. Der laut Betende ist dann der Sprecher der Gemeinde zu Gott und die anwesenden Geschwister bekräftigen das Gebet mit einem lauten "Amen". Die Gebetsversammlung ist nicht der Ort, wo jeder seine persönlichen, privaten Anliegen vor Gott ausschüttet. Das sollte vorrangig zu Hause hinter verschlossenen Türen geschehen. In der Gemeinde sollten wir gezielt für gemeinsame Anliegen beten, wobei man die Geschwister natürlich auch um Fürbitte in persönlichen Nöten oder Situationen bitten darf, die dann zu einem gemeinsamen Anliegen werden. Wenn vor dem Beten die verschiedenen Anliegen gesammelt und genannt werden und dann für die einzelnen Anliegen gezielt, kurz und laut gebetet wird, dann schläft sicher auch keiner ein.

Und wer in der Öffentlichkeit lange Gebete spricht, wird vermutlich zu Hause im Kämmerlein nur kurze Gebete sprechen. Man kann in den meisten Fällen in 30 - 60 Sekunden gezielt und ernsthaft für ein Anliegen beten. Auf diese Weise können in einer Gebetsversammlung 10 - 30 Gebete von vielen Brüdern gesprochen werden. Und wenn das für alle Anwesenden gut verständlich und ohne Ausschweifen getan und jedes Gebet mit einem lauten "Amen" bestätigt wird, dann wird keine Langeweile und Schläfrigkeit aufkommen. Auf keinen Fall sollte sich die Unsitte einschleichen, die Gebete für geistliche Belehrungen oder gezielte Seitenhiebe gegen anwesende Geschwister zu missbrauchen. Dadurch wird der heilige Geist gedämpft und so etwas sollte mit Nachdruck unterbunden werden.

Die äußere Form
Auch für diese Gemeindeversammlung finden wir im NT keine Anweisungen, wie oft eine solche Gebetsstunde stattfinden soll. Ob man zuerst ein Lied singt, oder zunächst einige Schriftstellen liest, jemand eine kurze Ansprache zum Thema Gebet hält oder aber die Zusammenkunft mit dem Zusammentragen der Gebetsanliegen beginnt, darüber verliert das NT kein Wort. Ob man beim Beten knien, sitzen oder stehen soll, wird auch nicht vorgeschrieben. Wohl aber finden wir deutliche Anweisungen, in welcher geistlichen Verfassung gebetet werden soll und das ist zweifellos wichtiger als der äußere Rahmen: "Ich will nun, dass die Männer an jedem Ort beten, indem sie heilige Hände aufheben, ohne Zorn und zweifelnde Überlegungen" (1. Timotheus 2:8).

Wenn einmütig gebetet wird und keine ungerichtete Sünde oder Streitigkeiten die Gemeinschaft belasten, dann werden von solchen Gebetsversammlungen auch in unserer Zeit Segenswirkungen in unsere nähere und ferne Umgebung ausgehen. Wenn auch vielleicht die Wände und Mauern nicht beben werden wie in apostolischen Zeiten, so werden doch Mauern zwischen Menschen fallen, Wände der Einsamkeit und Isolation um Herzen dem Wirken Gottes weichen müssen und sicher auch Hände und Beine in Bewegung kommen, denn eine ernsthaft und einmütig betende Gemeinde wird zuerst an sich selbst die Veränderung erleben, die von solchen Gebetstreffen ausgeht.

Organisatorische Konzepte zur Belebung der Gebetsversammlungen werden - wenn überhaupt - nur vorübergehend Veränderungen bewirken. Gebet ist eine Lebensäußerung der Gemeinde. Wenn die einzelnen Glieder nicht ihre Abhängigkeit vom Herrn fühlen und in ihrem Privatleben ein intensives Gebetsleben führen, werden alle künstlichen Originellitätsversuche scheitern. Wenn aber der geistliche Notstand einige wenige Geschwister gemeinsam auf die Knie treibt und sie sich gemeinsam vor dem Herrn demütigen und anhaltend um Heilung flehen, wird Gott antworten und eine geistliche Gesundung schenken.