Wer war

Jesus von Nazareth?

Teil I


 

  „Als aber das Volk in Erwartung war, und alle in ihren Herzen wegen Johannes überlegten, ob er nicht etwa der Christus sei . . .“- Luk. 3:15


SCHON VIELE Propheten waren von Gott im Laufe der Jahrhunderte zu Israel gesandt worden. warum - so fragt man sich - war das Volk ausgerechnet in den Tagen Johannes des Täufers „in Erwartung, ob er nicht etwa der Messias sei?“

Die Weissagung des Propheten Daniel über den Zeitpunkt des Kommens des Messias (Dan. 9:21,27) mußte doch wohl aufmerksam beobachtet worden sein. Die Schriftgelehrten Israels, die das Volk in den heiligen Schriften unterwiesen, wußten demnach sehr gut Bescheid um die biblische Zeitrechnung.

In Erfüllung der vor mehr als fünfhundert Jahren zuvor ergangenen Ankündigung lesen wir dann die wohlbekannten Worte aus Gal. 4:4 (nach Luther): „Da aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn . . . .“

Wer kennt nicht die wundersame Geschichte von der Geburt des Kindes zu Bethlehem, wie sie uns im Lukas-Evangelium Kap. 2 Vers 1-20 überliefert ist? Leider sind diese die ganze Welt verändernden Worte heute vielen nur noch der Auftakt für ein mehr oder weniger gemütliches Familienfest. Der tiefe Sinn der Geburt jenes Kindes und die aus ihr resultierenden weltbewegenden Ereignisse sind im allgemeinen längst in Vergessenheit geraten. Wer denkt heute noch viel daran, daß es damals um Leben oder Tod - daß es um die ewige Existenz des Menschengeschlechts ging? Vieles ist über dieses Kind aus Bethlehem geredet und geschrieben worden; an dem erwachsenen Jesus haben sich die Geister geschieden seit nunmehr fast zweitausend Jahren. Heute - in unserer „aufgeklärten“ Zeit - wird mehr Unsinniges und mehr Blasphemisches über diesen Namen verbreitet als in all den vergangenen Jahrhunderten zuvor.

Woher kam er?


„Und er selbst, Jesus, begann ungefähr dreißig Jahre alt zu werden, und war, wie man meinte, ein Sohn des Joseph . . . „ (Luk. 3:23). Auch als Jesus in seiner Vaterstadt Nazareth lehrte, wußten die Menschen dort nichts anderes, als daß er der Sohn der Zimmermanns sei. (Matt. 13:55) Ein Mensch also wie jeder andere auch. Einmal fragte Jesus seine Jünger: „Was sagen die Menschen, daß ich, der Sohn des Menschen sei? Sie aber sagten: Etliche: Johannes der Täufer; andere aber: Elias; und andere wiederum: Jeremia, oder einer der Propheten.“ (Matt. 16:13,14) So war es damals; heute ist Jesus in der Meinung der Leute allenfalls noch ein Mensch, der uns ein nachahmenswertes Leben vorgelebt hat. Wer aber war Jesus von Nazareth wirklich?

Wir alle kennen die Geschichte von Jesu Geburt. Sie ist bekannt weit über die Grenzen der christlichen Welt hinaus. Und so wollen wir hier nur das herausnehmen, was für die Beantwortung unserer besonderen Frage dienlich ist. Wir beginnen bei Lukas 1:30: „Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht Maria, denn du hast Gnade bei Gott gefunden; und siehe, du wirst im Leibe empfangen und einen Sohn gebären, und du sollst seinen Namen Jesus heißen. Dieser wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden.“

In den Evangelien gibt es zwei Geschlechtsregister Jesu: im Evangelium des Matthäus und im Evangelium des Lukas. Der Matthäus-Bericht beginnt mit den Worten: „Buch des Geschlechts Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.“ Ein offener Bericht also, daß Jesus aus der Geschlechtslinie Davids abstammte. In Vers 16 heißt es: Jakob aber zeugte Joseph, den Mann der Maria, von welcher Jesus geboren wurde, der Christus genannt wird.“ Ist das nicht seltsam? Fünfzehn Verse lang lesen wir die genaue Nachkommenschaft eines jeden Geschlechts von Abraham ab, woraus man erkennen kann, über welche Person diese Geschlechtslinie läuft: „Abraham zeugte Isaak; Isaak aber zeugte Jakob, Jakob aber zeugte Juda(!) . . . „usw. Bei Joseph aber, dessen Vater Jakob hieß, hört diese Regel auf. Hier heißt es auf einmal nicht: „und Joseph zeugte Jesus“, nein, es heißt: „Und Jakob zeugte Joseph, den Mann der Maria, von welcher Jesus geboren wurde . . . .“ Behalten wir dies im Gedächtnis!

Gehen wir nun zum Bericht des Lukas. Dort, im 3. Kapitel ab Vers 23, lesen wir Folgendes: „Und er selbst, Jesus, begann ungefähr dreißig Jahre alt zu werden, und war, wie man meinte, ein Sohn des Joseph, des Eli . . . .“ Wieso heißt es hier der Vater Josephs nicht Jakob wie bei Matthäus? Eli war der Vater Marias und der Schwiegervater Joesphs. Auch ein Schwiegersohn ist ein Sohn. Wir haben es hier im Lukas-Evangelium mit der Ahnenreihe der Maria zu tun; und mit der Nennung Josephs als Sohn Elis, des Schwiegervaters, wird, wenn auch versteckt, bezeugt, daß Joseph in Wirklichkeit eben nicht der Vater Jesu war. Maria auch sie - und gerade sie - stammte aus dem Geschlecht Davids. Ja, ihre Ahnenreihe geht über Abraham bis hinauf zu Gott selbst (Luk. 3:31): „Und Gott schuf den Menschen in seinem Bilde . . . .“ Adam war der erste menschliche Sohn Gottes.

Zwei Unterschiede fallen in diesen beiden Geschlechtsregistern außerdem noch auf. Geht die Aufzählung der Ahnen Jesu bei Matthäus von Abraham ab über David und Salomo (Vers 6), so nimmt die Linie bei Lukas (Vers32) den Weg über einen anderen Sohn Davids: Nathan, einen Bruder Salomos. (1. Chron. 3:5) Warum wohl? Nur, um zu zeigen, daß beide - sowohl Joseph als auch Maria - aus dem Geschlecht Davids stammten, dennoch aber nicht so nah verwandt waren, da ihre Ahnenreihe sich schon nach David verzweigte? Wir denken, daß da noch eine tiefere Bedeutung dahintersteht.

Die Absicht Gottes war es zweifellos, den großen Verheißungen, den „Samen des Weibes“, der der Schlange den Kopf zermalmen wird (1. Mos. 3:15), aus dem Geschlecht Davids hervorgehen zu lassen: „Jhwh hat dem David geschworen in Wahrheit, er wird nicht davon abweichen: Von der Frucht deines Leibes will ich auf deinen Thron setzen. Wenn deine Söhne meinen Bund und meine Zeugnisse bewahren, welche ich sie lehren werde, so sollen auch ihre Söhne auf deinem Thron sitzen immerdar. . . . Dort will ich auch das Horn Davids wachsen lassen, habe eine Leuchte zugerichtet meinem Gesalbten.“ (Ps. 132:11,12,17) War Salomo, waren Salomos Nachkommen Gott treu geblieben?

„Und es geschah zur Zeit, als Salomo alt war, da neigten seine Frauen sein Herz anderen Göttern nach; und sein Herz war nicht ungeteilt mit Jhwh, seinem Gott, wie das Herz seines Vaters David.“ (1. Kön. 11:4) In den folgenden Versen lesen wir, welches Unrecht Salomo begangen hatte, und wir sehen - es war immer dasselbe Übel: er diente fremden Göttern und brachte ihnen Opfer dar. „Da erzürnte Jhwh wider Salomo“, geht der Bericht in Vers 9 weiter, und „werde ich dir das Königreich gewißlich entreißen und es deinem Knechte geben.“ Verse 11-13; s. a. Verse 26,30,31; Kap. 12:20

Die Geschichte lehrt, daß alles eintraf, wie Gott es gesagt hatte. Auch Salomos Nachkommen waren Jhwh Gott nur teilweise ergeben; zum großen Teil aber waren sie Götzendiener und „taten, was böse war in den Augen Jhwh's.“ Hier haben wir die deutliche Erklärung dafür, daß die salomonische Geschlechtslinie gänzlich von der göttlichen Gunst ausgeschlossen wurde. Zu ihrer Zeit so mächtig, so hoch erhöht, war sie von nun ab der Erniedrigung preisgegeben, und das unscheinbare Geschlecht Nathans, dem keinerlei königliche Rechte auf den Thron Davids verheißen worden waren, trat still, und ohne beachtet zu werden, an seine Stelle.

Wir wiederholen noch einmal den Anfang von Vers 32 im Lukas-Evangelium Kapitel 1 und lesen weiter: „Dieser wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und der HERR, Gott, wird ihm den Thron seines Vaters David geben; und er wird über das Haus Jakob herrschen in die Zeitalter, und sein Reich wird kein Ende haben. Maria aber sprach zu dem Engel: Wie wird dies sein, da ich keinen Mann kenne? Und der Engel antwortete und sprach zu ihr: Heiliger Geist wird über dich kommen, und Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren werden wird, Sohn Gottes genannt werden.“ -Luk. 1:32-35

Dreimal wird in dem, was wir hier erörtert haben, Jesus „Sohn Gottes“ genannt: in Luk. 1:32 und Vers 35, sowie in Luk. 3:23-38. Und das Evangelium des Markus beginnt: „Anfang des Evangeliums Jesu Christi, des Sohnes Gottes.“

Sohn Gottes


„Darum“, sagt Lukas, „wird das Heilige, das geboren werden soll, Sohn Gottes genannt werden.“ Jenes Kind, durch den Geist Gottes, d. h. durch die allmächtige Schöpferkraft Gottes auf wunderbare Weise zur Welt gekommen, war demnach von Gott gezeugt, nicht von einem Menschen. War er ein Gott? War er ein himmlisches, mit einem Menschenleib überkleidetes Wesen?

Gott hat viele Söhne, sagt die Schrift. In 1. Mos. 6:2 steht geschrieben: „Da sahen die Söhne Gottes, daß die Töchter der Menschen schön waren . . .“ In Hiob 1:6 und 2:1 ist zu lesen: „Da kamen die Söhne Gottes, um sich vor Jhwh zu stellen . . .“, und Hiob 38:7 spricht von einer erstaunlichen Schöpfertat Gottes, über die „alle Söhne Gottes jauchzten.“

Der Apostel Paulus erklärt uns in seinem 1. Brief an die Gläubigen in Korinth zunächst einmal, daß es menschlichen Wesen nicht möglich ist, die höhere geistige Natur zu begreifen; doch - um den vielerlei Vorstellungen von Aberglauben entgegenzuwirken . stellt er ganz deutlich heraus: „Und es gibt himmlische Leiber und irdische Leiber.“ (1. Kor.15:40) Doch wie nicht alles Fleisch dasselbe ist (Vers 39), und das Fleisch der Menschen sich von dem der Tiere unterscheidet, ja, sogar das Fleisch der Tierarten untereinander verschieden ist, so - sagt Paulus - ist die Herrlichkeit der himmlischen Leiber eine andere als die Herrlichkeit der irdischen Leiber.

Paulus zeugt also von verschiedenen „Herrlichkeiten“ oder Lebensstufen sowohl geistiger als irdischer Naturen. Alles Erschaffene ist in seinem vollkommenen Zustand von herrlicher Schönheit. Der Natur nach aber sind die vielerlei lebendigen Geschöpfe voneinander geschieden.

Adam war ein vollkommenes Ebenbild Gottes. War er deshalb Gott? Die Heilige Schrift sagt uns nichts davon. Im Gegenteil: der erste Mensch war aus den Elementen der Erde gebildet - ein irdisches Geschöpf, dazu bestimmt, die Erde zu bevölkern und zu bebauen. Da er ein selbstdenkendes, intelligentes Wesen war, gab Gott ihm - wie könnte es anders sein - als ein sichtbares, materielles Ebenbild, die gotteigenen Charaktereigenschaften der Liebe und der Gerechtigkeit mit auf den Lebensweg zu seiner eigenen, freien Entscheidung. So war auch Adam, der erste Mensch, in seiner Vollkommenheit ein Sohn Gottes auf irdischer Lebensstufe von der Natur „Mensch“.

Wer aber war das Kind von Bethlehem, dessen Name „Jhwh ist Rettung“ bedeutet?

Was sagte Jesus von sich selbst?


Schon der zwölfjährige Knabe bleibt nach einem Passahfest in Jerusalem im Tempel zurück, um den Lehrern zuzuhören und erstaunliche Fragen zu stellen. „Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meines Vaters ist?“ antwortete er seiner besorgten Mutter. „Was meines Vaters ist . . . „ Nicht Joesphs, des Zimmermanns Anliegen - Gottes erhabene Geisteswelt war es, die den jungen Jesus in Bann zog.

Später spricht der erwachsene Jesus zu den Juden: „. . . ich bin von Gott ausgegangen und gekommen; . . . er hat mich gesandt.“ (Joh. 8:42) In demselben Kapitel Vers 25 fragen die Juden: „Wer bist du? Jesus sprach zu ihnen: Durchaus das, was ich auch zu euch rede. Vieles habe ich über euch zu reden und zu richten, aber der mich gesandt hat, ist wahrhaftig; und ich, was ich von ihm gehört habe, das rede ich zu der Welt.“

„Ich bin das lebendige Brot, das aus dem Himmel herniedergekommen ist.“ (Joh. 6:51) Und: „Ehe Abraham ward, bin ich.“ (Joh. 8:58) Den geheilten Blindgeborenen fragte Jesus: „Glaubst du an den Sohn Gottes? Er antwortete und sprach: Und wer ist es, Herr, auf daß ich an ihn glaube? Jesus sprach zu ihm: Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist es.“ -Joh. 9:35-37

„Rätselhafte“ Worte sagt der Herr im Gespräch mit Nikodemus; wir lesen sie in Joh. 3:13: „Und niemand ist hinaufgestiegen in den Himmel, als nur der aus dem Himmel herabgestiegen ist, der Sohn des Menschen.“ Die nachfolgenden Worte: „der im Himmel ist“, finden sich weder im Codex Vaticanus noch im Codex Sinaiticus. Doch auch ohne den Nachsatz bleibt dieser Ausspruch Jesu noch unverständlich genug. Jesus Christus - Gott oder Mensch? Oder: Gott und Mensch zugleich?

Der Eingeborene


„Hierin ist die Liebe Gottes zu uns geoffenbart worden, daß Gott seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hat . . . .“ - 1. Joh. 4:9

Was heißt „eingeboren“? Wie ist dieser Ausdruck zu verstehen? Das im griechischen Urtext hier gebrauchte Wort ist „mono-genes“. Da die griechische Sprache keinen genauen Unterschied kennt zwischen gezeugt und geboren werden, wie z. B. die deutsche Sprache, könnte die präzise Übersetzung „Einzig-Geborener“ oder Einzig-Gezeugter“ heißen. Jesus ist der Einziggeborene, daß einzige lebendige Wesen das direkt vom Himmlischen Vater hervorging. Es gibt aber weitere „Söhne Gottes“. Wie ist das zu verstehen?

Die griechische Sprache macht auch einen Unterschied zwischen dem „mono-genes“, dem Einziggezeugten, und dem „prototokos“, dem Erst-Geborenen. Dem Erstgeborenen folgen logischerweise weitere Nachkommen.

„Mono-genes“, der in unseren meisten Übersetzungen mit „Eingeborener“ wiedergegebene Ausdruck, erscheint im Neuen Testament sechsmal, und ist in fünf Stellen allein auf Jesus in Verbindung mit Gott, dem Vater und Lebengeber, bezogen. Die einzig abweichende Stelle in Hebr. 11:17 bezieht sich dennoch vorbildlich auf Gott und seinen Einziggezeugten.

Wie aber kann Gott Lebengeber vieler Söhne sein - und dennoch Erzeuger nur eines einzigen? Hören wir, was das inspirierte Apostelwort in Kol. 1:15 hierüber zu sagen hat: „. . . welcher das Bild des unsichtbaren Gottes ist, der Erstgeborene (prototokos) aller Schöpfung.“ Was wir hier erfahren, ist, daß der Einziggezeugte auch der Erstgeborene vor aller Schöpfung ist. Er ist demnach jemand, der am Anfang jedweder Schöpfertätigkeit Gottes gezeugt, geboren, oder hervorgebracht wurde. Dazu wird uns gesagt, daß er das Bild (oder das Ebenbild) des Vaters sei.

Wir haben uns zuvor schon einmal über die Ebenbildlichkeit Adams, des ersten Menschen, mit seinem Schöpfer Gedanken gemacht und festgestellt, daß Adam zwar als geistig-moralisches Ebenbild des Allmächtigen geschaffen, dennoch seiner Natur nach irdisch, von der Erde genommen war. Er war also in keinem Fall ein Teil Gottes - oder gar Gott selbst. Der „Erstgeborene aller Schöpfung“ - wer weiß, wie viele Äonen vor Adam ins Leben gerufen - war auch ein Ebenbild des Vaters, aber auf geistiger Stufe, von geistiger Natur, von derselben göttlichen Natur wie der Lebengeber selbst. Wir werden später noch einmal darauf zurückkommen. Dieser alleingezeugte Erstgeborene vor aller Schöpfung bekundet von sich selbst: „Dieser sagt der Amen, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes.“ -Off. 3:14

Daß der Erstgeborene aller Schöpfung von Gott gezeugt ist, wird auch in Spr. 8:22 deutlich gemacht: „Jhwh besaß mich als Anfang seines Weges, vor seinen (übrigen) Werken von jeher. Ich war eingesetzt von Ewigkeit her, von Anbeginn, vor den Uranfängen der Erde. Ich war geboren, als die Tiefen noch nicht da waren, als noch keine Quellen waren, reich an Wasser. Ehe die Berge eingesetzt waren, vor den Hügeln, war ich geboren.“ Kann man es deutlicher ausdrücken, daß hier ein Wesen geboren wurde? Zwar spricht die Schrift hier von der „Weisheit“ (griech: Sophia), doch zeigt diese Beschreibung klar auf den Einen hin, dessen Erkanntwerden zur damaligen Zeit noch sympolhaft unter dem Deckmantel der „sophia“ verborgen gehalten werden sollte.

Die Septuaginta gibt diese Stelle folgendermaßen wieder: „Der HERR setzte mich als Anfang zu seinen Werken . . . . Vor allen Hügeln zeugte er mich. Damals, als er den Himmel ausbreitete, war ich mit ihm, und als er das „über den Wolken“ festmachte . . . .und als er festmachte die Grundlagen der Erde, da war ich in enger Verbindung mit ihm. Ich war es, woran er sich erfreute, den ganzen Tag erfreute ich mich jederzeit vor seinem Angesichte, als er sich über die Vollendung der Erde freute, und ich mich freute über die Menschenkinder.“

Der Logos


Eine umstrittene, aber besonders eindrucksvolle und bekannte Stelle ist der Beginn des Johannesevangeliums. Wiederum spricht hier die Schrift von einem, der „im Anfang“ bei Gott war; und dieses Mal wird nicht von „sophia“, der „Weisheit“, gesprochen, sondern vom „logos“, dem „Wort“. Der Begriff dieses Wortes ist nicht nur das buchstäbliche „Wort“, vielmehr ein ganzes logisches Satzgefüge, in dem sich gleichsam die Macht des Gedankens offenbart. Es bedeutet aber auch : Weisheit, Vernunft, Urweisheit. Wir geben zuerst die Stelle so wieder, wie sie in fast allen deutschen Übersetzungen lautet: „Im Anfang war das Wort (griech: ho logos), und das Wort (ho logos) war bei Gott, und das Wort (ho logos) war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ward durch dasselbe, und ohne dasselbe ward auch nicht eines, das geworden ist.“ -Joh. 1:1-3

In diesem Anfang also war das Wort oder der Logos. Nimmt man die beiden nächsten Verse hinzu, könnte man zuerst annehmen, daß der Beginn des Johannesevangeliums gleichsam identisch sei mit der ersten Seite der Bibel, wo es heißt: „Und Gott sprach: es werde Licht, und es ward Licht.“ Verfolgt man jedoch den Bericht von Johannes weiter, so wird es offenbar, daß hier von einer Persönlichkeit die Rede ist, die - wieder unter einem anderen Namen, ganz besonders aber im Hinblick auf ihre Herkunft - auf ihr Wesen und auf ihr Handeln beschrieben wird.

In Spr. 8:22 wird die Weisheit, die sophia, geboren, vor allen Werken Gottes von jeher. Johannes kündet das Wort, den logos, der im Anfang bei Gott war, und bezeugt, daß jegliche Schöpfung durch den Logos entstanden ist. „Alles ward durch dasselbe (ihn), und ohne dasselbe (ihn) ward auch nicht eines, das geworden ist.

Wer ist dieser Logos? Unser Text sagt, daß er bei Gott war (oder hingewandt zu Gott); danach aber heißt es: „ . . . und das Wort (der logos) war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott.“ Sind diese Worte nicht seltsam? Wie kann einer bei Gott sein, und dennoch Gott selbst sein? Wir sagen manchmal scherzhaft: ich habe mir heute selbst Gesellschaft geleistet. Das aber ist menschlicher Unsinn und des Wortes Gottes unwürdig. Wo liegt die Erklärung?

Die griechische Sprache kennt den unbestimmten Artikel nicht. Die genaue Wortwiedergabe der ersten zwei Verse des Johannesevangeliums müßte lauten: „Im Anfang war der logos, und der Logos war bei dem Gott, und der Logos war ein Gott (ein mächtiges, Gott ähnliches Wesen). Dieser war im Anfang bei dem Gott.“ Zweimal wird vor „Gott“ der bestimmte Artikel gesetzt; einmal wird er weggelassen, und zwar dort, wo geschrieben steht: „. . . und Gott war der Logos.“ Warum wurde hier nicht auch der bestimmte Artikel gebraucht, so daß es heißt: „. . . und der Gott war der Logos“? Nun, weil der Logos eben nicht der Gott, nicht Gott selbst, nicht der allmächtige Schöpfer Himmels und der Erde war, sondern wie wir in Kol. 1:15 lesen können - „das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene aller Schöpfung.“

Zur Bekräftigung dieser Aussagen haben wir noch ein zweites Zeugnis, das aber in den meisten Bibelübersetzungen nicht beachtet wird. Nur wenige richten sich hier nach dem älteren griechischen Text - mögicherweise, weil er allen Anhängern der Dreieinigkeits-Lehre unverständlich sein muß. Folgen wir aber auf geradem Weg der biblischen Aussage, so fügt sich dieser Text logisch in das bisher Besprochene ein. Wir geben die Schriftstelle so wieder, wie sie im älteren griechischen Text aufgezeichnet ist: „Niemand hat Gott jemals gesehen; der alleingezeugte Gott, der in des Vaters Busen ist, der hat ihn kundgemacht.“ -Joh. 1:18

Wenn wir in unser Verständnis aufgenommen haben, daß das Wort, „der Logos“, ein Gott, ein Mächtiger, ein Gott ähnliches Wesen war, so ist obige Stelle nicht mehr unverständlich. Ganz im Gegenteil. Sie fügt sich harmonisch ein in das Bild der vor allen Werken von jeher geborenen Weisheit, der sophia; sie ist identisch mit dem Logos, der im Anfang (aller Dinge) nahe bei dem allmächtigen Gott war, und - sie drückt zum anderen Male aus, wie nahe, wie innig verbunden dieses von Gott allein gezeugte mächtige Geistwesen dem Herzen des ewigen Lebengebers steht.

So existiert also außer Gott ein Wesen, das am äußersten Anfang jedweder göttlicher Schöpfertätigkeit gezeugt wurde. Und wenn Johannes erklärt, daß alles, was geworden ist, durch ihn geworden ist, so untermauert Paulus in Kol. 1:15-17 diese Tatsache in noch ausführlicherer Weise, wenn er spricht: „Denn durch ihn sind alle Dinge erschaffen worden, die in den Himmeln und auf der Erde, die sichtbaren und die unsichtbaren, es seien Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Gewalten: alle Dinge sind durch ihn und für ihn geschaffen. Und er ist vor allen, und alle Dinge bestehen zusammen durch ihn.“

Klar und unmißverständlich bezeugen die inspirierten Worte: „So ist doch für uns ein Gott, der Vater, von welchem alle Dinge sind, und ein Herr, Jesus Christus, durch welchen alle Dinge sind.“ -1.Kor.8:6

Alle diese Aussagen bestätigen die Existenz eines mächtigen und überaus herrlichen Geistwesens, das keinesfalls Gott selbst, aber der „Abglanz seiner Herrlichkeit und der Abdruck seines Wesens“ ist, „durch den er (Gott) auch die Welten gemacht hat.“ (Heb. 1:2,3) Lebengeber und höchster Initiator bleibt immer Gott selbst. Der Erstgeborene aber ist zum Ausführer des göttlichen Willens bestellt, dessen Werke er in inniger Gemeinschaft mit dem geliebten Vater zu ihrer beider Freude hinausführt. Chreubim, Seraphim und Myriaden himmlischer Heerscharen, Throne, Herrschaften, Fürstentümer und Gewalten - alle diese geistigen Herrlichkeiten, deren Erfassung uns verschlossen ist, wurden vom Vater durch den Sohn zur Wirklichkeit. „Und die Welt ward durch ihn“ (Joh. 1:10); „und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen.“ (1. Mos. 1:26) So ist jetzt zu verstehen, daß Gott wohl viele Söhne hat, dennoch aber nur einen allein gezeugten, einen, der aus seiner eigenen Hand hervorgegangen ist.

Der Einziggezeugte wird Mensch


„Und das Wort wurde Fleisch und weilte unter uns, (und wir haben seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als eines Einziggezeugten vom Vater), voller Gnade und Wahrheit.“ (Joh. 1:14) „Und die Welt ward durch ihn, und die Welt kannte ihn nicht.“ -Vers 10

„Als aber die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn . . . .“ (Gal. 4:4) Dieser Sohn, dieser Erstgeborene vor aller Schöpfung, dieses herrlichste göttliche Wesen nach Gott, verließ seinen himmlischen Zustand und wurde als kleines Menschenkind geboren von Maria, einer jungen Frau, die noch keinen Mann gekannt hatte.

Wie ist dies doch alles so schwer zu verstehen. Der Ungläubige schiebt diese Geschichte als indiskutabel zu Seite. Sie ist ihm zu unglaubwürdig. Der Gläubige jedoch sucht den weisen großen Gott zu begreifen. Wiederum kann zum Verstehen nur das inspirierte Wort Hilfestellung geben.

Erschuf der allmächtige, allweise Gesetzgeber den Menschen mit allen seinen erstaunlichen Funktionen und gab ihm den Auftrag: Vermehrt euch und füllt die Erde - so bleibt ER doch der Herr über die Gesetze des menschlichen Körpers. Es steht in seiner Macht, diese zu verändern, wenn es sein Wille ist. „Ist für Gott etwas zu wunderbar?“ (1. Mos. 18:14) Wir haben es an Abraham und Sara erfahren.

Und nun, fast 2000 Jahre später, greift Gott zum anderen Male in die von ihm gegebene Funktion des menschlichen Körpers ein, und läßt das Wirklichkeit werden, was er seinen Propheten - Jahrhunderte zuvor - hat verkündigen lassen: „Darum wird der HERR selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären, und wird seinen Namen Immanuel (was bedeutet: Mit uns ist Gott) nennen.“ (Jes. 7:14) Ein anderes prophetisches Zeugnis lautet: „Und du, Bethlehem-Ephrata, zu klein, um unter den Tausenden von Juda zu sein, aus dir wird hervorkommen, der Herrscher über Israel sein soll; und seine Ausgänge sind von der Urzeit, von den Tagen der Ewigkeit her.“ -Micha 5:1

Maria aber fragt den Engel: „Wie soll mir dieses geschehen, da ich keinen Mann kenne?“ Die Antwort des Engels ist so, daß der Gläubige sie mit dankbarer Ehrfurcht annehmen und in etwa begreifen kann. Müssen wir Menschen denn immer alles genau wissen? Können wir uns nicht einmal demütig unter die Macht Gottes beugen und bekennen, daß unserem Verstand Grenzen gesetzt sind? Muß der Hochmut seine Stimme erheben und sagen: Das ist unmöglich, das gibt es nicht?

Nein, für Gott ist nichts zu wunderbar. Er, der all die tausende und abertausende Wunder der Schöpfung erdacht, wie sollte ihm nicht möglich sein, die „normalen“ Funktionen (Sind sie nicht alle Wunder?) des menschlichen Körpers einmal umzulenken?

Der Logos, der Erstgeborene aller Schöpfung, „wurde Fleisch“, wie es in Joh. 1:14 heißt. War er ein natürlicher Mensch, oder war er ein Geistwesen, das sich in menschlicher Gestalt verkörpert hatte? Wenn letzteres der Fall war, warum wurde er dann von einer menschlichen Mutter auf ganz normale Weise als kleines Menschenkind geboren? Hat man je von einem sich verkörpernden Geistwesen so etwas gelesen?

Jesus, zwar nicht gezeugt wie ein Mensch; aber wie ein solcher geboren, wuchs auf wie jedes andere Menschenkind auch. „Das Kindlein aber wuchs und erstarkte, erfüllt mit Weisheit, und Gottes Gnade war auf ihm“, lesen wir in Luk. 2:40. Nicht mit einem Wort wird angedeutet, daß Jesus etwa andere Lebensgepflogenheiten gehabt hätte als die Menschen seiner Umgebung. er aß, er trank, er ermüdete und brauchte Schlaf. Niemals aber veränderte er seine Gestalt oder wurde plötzlich unsichtbar, wie dergleichen von Engelerscheinungen überliefert ist. Daß er dennoch anders war als ein gewöhnlicher Mensch, lag nicht in dem Umstand seiner - wie man meint - Teilgottheit, sondern in seiner Geisteshaltung. Er war „heilig, unschuldig, unbefleckt, abgesondert von der Sünde“: (Hebr. 7:26) Jesus von Nazareth war ein vollkommener Mensch wie Adam, bevor jener gegen Gott gesündigt hatte.

Das ist eine Feststellung von großer Tragweite. Läßt sie sich biblisch beweisen? Oder beruht sie nur auf einer Mutmaßung?

Fortsetzung in Teil II