N DIESEM MONAT jährt sich die sogenannte
"Reichskristallnacht".
Was war damals geschehen?
In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 begann in Deutschland und Österreich der organisierte faschistische Terror gegen die Juden. Schon vorher hatte man jüdische Geschäfte boykottiert; doch nun griffen Terrorbanden der SA, SS und der Hitlerjugend zu unverhüllter Gewalt. Man zerstörte jüdische Warenhäuser, steckte Synagogen und Schulen in Brand, verwüstete Friedhöfe, zerrte jüdische Mitbürger aus ihren Wohnungen und mißhandelte sie.
Offiziell wurden diese Aktionen als Ausdruck des "Volkszorns" über die Ermordung des Nazidiplomaten Ernst von Rath am 7. November 1938 in Paris durch einen Juden deklariert. In Wirklichkeit begann in dieser Nacht die von langer Hand vorbereitete systematische Ausrottung der Juden in Europa.
Bis zum Jahr 1938 hatte das nationalsozialistische Regime durch administrative Maßnahmen und die Nürnberger Rassengesetze (1935) versucht, die Juden ohne Aufsehen aus dem öffentlichen und wirtschaftlichen Leben zu verdrängen. Nun glaubte man, die Maske fallen lassen zu können, und griff zur nackten Gewalt. Darüber hinaus brauchte Hitler Sündenböcke, die für alle negativen Begleiterscheinungen des Dritten Reiches verantwortlich gemacht werden konnten. Wer eignete sich dazu besser als die Juden? Mit den Schreckgespenstern "Weltjudentum" und "Weltkommunismus" gelang es den Machthabern, die wahren Ziele ihrer Aufrüstung zu verschleiern. Die Pogrome gegen jüdische Bürger dienten mehr oder weniger versteckt der Kriegsvorbereitung. Durch sie "sollten die Massen an Blut, Brand und Raub gewöhnt werden, sie sollten auch dazu erzogen werden, Ausplünderung und Mißhandlung von Menschen anderer Rassen nicht als Verbrechen anzusehen.
Wieder einmal waren die Juden die Leidtragenden - wie so oft in der Geschichte.
Wie war das möglich?
Für alle, die es sehen wollten und Hitlers "Mein Kampf" gelesen hatten, zeichnete sich schon Jahre zuvor die Taktik der Nationalsozialisten den Juden gegenüber ab: Ausgrenzung, Ausplünderung, Ausrottung. Aber die meisten hörten und sahen nichts - oder sie schwiegen! Hilfe erfuhren die Juden lediglich aus Teilen der Arbeiterschaft und durch engagierte Christen. Aber was konnten diese Minderheiten gegen die staatliche Vernichtungsmaschinerie ausrichten?
Die mit der Kristallnacht beginnende Judenverfolgung drängt zu der Frage: Wie konnte so etwas im aufgeklärten Europa geschehen? Sollte es darauf überhaupt eine schlüssige Antwort geben, dann läßt sie sich nicht in wenige Worte fassen. Aus christlicher Sicht muß gesagt werden, daß diese unheimliche Entwicklung etwas mit der Einschätzung des Menschen zu tun hat. Wer andere Menschen nicht als Geschöpfe Gottes sieht, sondern lediglich als Objekte, Gegner oder minderwertige Kreaturen, wird früher oder später dazu übergehen, sie zu manipulieren, zu entrechten nötigenfalls zu vernichten.
"Die ideelle Grundlage, von der der Terror seinen Ausgang nimmt, ist die Leugnung oder die Relativierung jener Rechte, die wir aus dem Wesen und den Aufgaben des Menschen selbst herleiten ... Wer aber das Gesetz der niederen Natur vom ,Kampf ums Dasein' auch in der menschlichen Gesellschaft und ihren Ordnungen für gültig hält, muß jede Art von Recht zu einer Ausdrucksform der Freund-Feind-Theorie relativieren, die es ihm erlaubt, selbst die gemeinsten Mittel der Gewalt für gerechtfertigt anzusehen." (Kogon, "Der SS-Staat", Seite 26)
Bildung, Wissen und Kultur schützen leider bis heute nicht vor einem Mißbrauch der Macht, die dem Menschen übertragen wurde oder die er an sich gerissen hat. Weil das so ist, lassen sich Unterdrückung und Mißachtung von Minderheiten auch in einer aufgeklärten Epoche wie der unsrigen nirgends und niemals ausschließen. Die Kristallnacht ist dafür eins von vielen Beispielen.
Was sollen wir tun?
Ereignisse der Vergangenheit sollten nicht nur Anlaß sein, den Kalender mit Gedenktagen anzureichern. Die Erinnerung an die Kristallnacht und den Leidensweg der Juden im 20. Jahrhundert sollte uns fragen lassen: Was müssen wir tun, um solches Unrecht unmöglich zu machen?
Wenn es Staatsmännern, Parteien, multinationalen Konzernen, religiösen Gruppierung und Interessengruppen aller Art auch weiterhin mehr um Macht und Einfluß geht als um das Recht des einzelnen auf Freiheit und Leben, werden sich solche Greuel des Terrors immer wiederholen. Mag sein, daß nicht jedesmal Juden die Leidtragenden sind, aber stets wird es Menschen treffen, die sich nicht wehren können.
Im Gegensatz zu den Feindbildern, die überall in der Welt aufgebaut und gepflegt werden, sollen Christen sich in ihrem Verhalten zum Mitmenschen von der biblischen Weisung leiten lassen: "Liebet eure Feinde." (Matt. 5:44) Paulus ergänzt Jesu Forderung, indem er sozusagen eine Durchführungsbestimmung hinzufügt: "Darum nehmt einander an, gleichwie uns Christus hat angenommen zu Gottes Lob." (Röm. 15:7)
Für Christen gibt es keinen Grund, andere herabzuwürdigen, zu verachten oder gar zu bekämpfen - auch dann nicht, wenn sie eine andere Weltanschauung vertreten oder einer fremden Rasse angehören. Wenn man allerdings sieht, wie bösartig Gläubige ein und derselben Gemeinschaft manchmal miteinander umgehen, bezweifelt man zurecht, daß wir jemals zu der von Jesus geforderten Feindesliebe gelangen werden.
Das ändert freilich nichts an der Tatsache, daß für Gott alle Menschen gleich wertvoll sind, und daß er sogar unsere theologischen Kontrahenten liebt. Erst wenn wir das begreifen und entsprechend handeln, wird es keine Kristallnächte mehr geben.