ENSCHEN, DIE NICHT miteinander leben können, leben sich auseinander. Die Harmonie, die einmal zwischen ihnen bestand, ist gestört. Sie gehen nicht mehr Hand in Hand im gleichen Schritt; jeder ihrer Wege zielt in eine andere Richtung. Wie oft geschieht dies traurigerweise in diesem Leben.
In jedem menschlichen Geschöpf steckt die Anlage zu individueller Entwicklung. Keines, kein einziges, gleicht dem anderen. Und dennoch gibt es im Verhältnis wenige, die gerne allein durchs Leben gehen. Der Wunsch zur Zweisamkeit, ja mehr noch: der Wunsch nach Familie, nach Freunden, ganz einfach: nach Gemeinsamkeit, ist in den Grundelementen der menschlichen Natur verankert.
Schon zum ersten Menschen sprach Gott: "Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei!" Und er gab ihm eine Gefährtin. Waren die beiden auch von gleichem Fleisch und gleichem Gebein, so blieben sie dennoch Individuen. Wir würden heute sagen: Unikate - also Wesen, die es kein zweites Mal in der genau derselben Veranlagung gibt.
Daß demnach ein jeder seine Eigenart behalten soll, ist sein Recht und sein Glück. Jeder soll das sein, wozu ihn Gott erschaffen hat.
Nun ist aber durch den Einbruch und die Macht des Bösen vieles im Menschen geschehen, was die von Gott erschaffene Anlage und Entwicklung zu einem harmonischen Miteinander gestört und auch zerstört hat, so daß es schwierig - oder noch deutlicher: fast unmöglich ist, eine ideale Gemeinschaft zu verwirklichen.
Wollten zwei Menschen in Harmonie miteinander leben, müßte in jedem einzelnen etwas geschehen. Ein jeder wird etwas von seiner Eigenständigkeit, von seinen Wünschen und Zielen zurückstecken müssen, um sich dem Partner anzupassen. Harmonische Gemeinschaft ist nun einmal nur möglich durch Anpasung. In der Welt ist im allgemeinen eine solche Gemeinschaft nicht zu erwarten.
Nur Jesus Christus zeigt uns den Weg!
Wenn unser Herr den Allmächtigen für seine Jünger um dieselbe Einheit bittet, wie sie zwischen ihm und dem Himmlischen Vater besteht, so stellt er sich selbst uns als Muster dar, wie dieses Eins-Sein zu erlangen sei.
Jesus könnte gesagt haben: Wenn ihr nur immer auf mich blickt, dann werdet ihr die wahre Gemeinschaft, wie sie sonst nirgends in der Welt zu finden ist, verwirklichen.
Jesus hat nicht gesagt: Ich will aus jedem von euch einen perfekten "Gottesgelehrten" machen, ihr sollt in alle Erkenntnis eindringen und auf alle Fragen eine Antwort wissen. Sondern: "Ich bitte, daß sie alle eins seien." - Joh. 17:21
Worin aber besteht nun dieses "Eins-Sein"?
In der Erkenntnis können wir nur in den Grundpfeilern der Wahrheit eins sein, denn sogar Paulus sagt: "Unsere Erkenntnis ist Stückwerk." (1. Kor. 13:12) Niemand besitzt eine umfassend-vollkommene Erkenntnis. Jeder hat ein Stück davon, und es ist nirgends gesagt, daß alle dasselbe "Stück" haben.
Wenn wir alle verschiedene Stücke der Erkenntnis haben, so können wir hier auch einander nur bereichern, wenn wir uns über diese Erkenntnis miteinander austauschen. Darum - und gerade darum ermahnt uns der Apostel, unser Zusammenkommen nicht zu versäumen, "sondern einander zu ermuntern, und das um so mehr, je mehr ihr den Tag herannahen seht". - Hebr. 10:25
Jesus hat die einen gegeben "als Apostel und andere als Propheten und andere als Evangelisten und andere als Hirten und Lehrer" (Eph. 4:11). Sie alle verdienen unsere Würdigung; und wir sollen nicht vom Evangelisten erwarten, was nur der Lehrer, und vom Propheten, was nur der Apostel leisten kann. Alle diese Kräfte dienen dem gleichen Endzweck und sind an ihrem Platze die einen so notwendig wie die anderen: ". . . zur Vollendung der Heiligen für das Werk des Dienstes, für die Auferbauung des Leibes Christi, BIS WIR ALLE hineingelangen zur Einheit des Glaubens und zur Erkenntnis des Sohnes Gottes, zu dem erwachsenen Manne, zu dem Maße des vollen Wuchses der Fülle des Christus." - Eph. 4:12,13
Diese Vollkommenheit wird die Gemeinde, solange sie noch auf Erden ist, nicht erreichen. Hier dürfen wir leider noch keine vollständige Harmonie der Glieder untereinander erwarten. Hier ist uns vorerst nur das Streben nach dieser Harmonie verordnet. Und wenn wir uns nach der von Herrn gewünschten Einheit ausstrecken, dann geht dies nicht ohne ein fortgesetztes Bemühen der gegenseitigen Anpassung. Laßt einander gelten, liebe Geschwister!
Und hier spielt auch die Liebe eine große Rolle. Anpassung ist im Grunde nichts anderes als Ausdruck der Liebe. In der Welt gibt es eine gewisse Anpasssung oder Unterwürfigkeit aus sogenannter "Liebesdienerei". Diese hat Jesus bestimmt nicht gemeint. Die Anpassung, die aus der Bitte des Herrn herauszuhören ist, ist das gemeinsame Erstreben eines hohen, ja höchsten Zieles: "BIS wir alle hingelangen . . "
Vor diesem gemeinsamen höchsten Ziel steht heute zwar noch ein "Bis". Wir alle sind noch nicht fertig; wir sind noch nicht zubehauen und poliert (Eph. 2:20-22). Der Weg dorthin führt durch die Erfahrungen in der Gemeinschaft mit unseren Geschwistern. "Insofern ihr es einem der geringsten dieser meiner Brüder getan habt, habt ihr es mir getan." -Matth. 25:40
In der Welt können wir das Eins-Sein nicht praktizieren; wir sind nicht von der Welt. Wo also sollte dieses Eins-Sein besser zu erlenrnen sein als in der Gemeinschaft mit denen, die gleichen Glaubens, gleichen Strebens, gleichen Bemühens sind?
Indem nun jeder diesem hohen Ziel zustrebt, sich diesem anpaßt, wird es zu einer Einheit unter den einzelnen Gliedern kommen, ohne daß in irgendeinem von ihnen das ihm eigene Gute unterdrückt werden müßte; denn das Gute ist ja eben das, was uns dem gemeinsamen Ziel nahebringt.
Nur die christliche Gemeinschaft steht unter diesen Bedingungen. Alle haben im Herzen das eine Gut, von dem Paulus spricht, wenn er sagt: "Denn ich hielt es nicht dafür, etwas unter euch zu wissen, als nur Jesus Christus, und ihn als gekreuzigt." (1. Kor. 2:2) Und indem alle sich diesem wunderbaren Erlöser anzupassen suchen, passen sie sich auch gegenseitig einander an.
Wenn sie es allerdings an der gegenseitigen Anpassung fehlen lassen - wenn einer meint, die anderen sollten sich ihm selbst anpassen oder irgendeinem Glied der Gemeinschaft, dann weicht ein solcher auch von dem gemeinsamen Ziel ab: die L i e b e des Christus ist nicht in ihm.
Wir sollten uns immer bemühen, ein wenig die "Sprache" des anderen zu erlernen. Wenn dann dieser allerdings fordern würde, daß wir um seinetwillen unsere eigene Sprache verlernen oder vergessen, so wäre das eine ungehörige Forderung, die wir nicht erfüllen dürfen. Viel richtiger wäre es, wenn jener sich gerechterweise bemühte, auch etwas von unserer Sprache zu erlernen.
In den Schriftstudien, Band 6, finden wir diesbezüglich einen treffenden Auspruch: "Niemand sollte alle dazu zwingen wollen, in allen Einzelheiten genau gleich zu sehen, wie er selbst - oder wie die Mehrzahl sieht. Im Wesentlichen einig, im Unwesentlichen verträglich!"
Hier wird mit diesen Worten eine gewisse Toleranz unterstrichen, die außerhalb der Erkenntnis von den grundlegenden Elementen des christlichen Glaubens gegenseitig geübt werden sollte. Liebe, Barmherzigkeit und L a n g m u t - wer hat sie uns nicht vollkommener vorgelebt als unser Herr? Wie könnten starre und enge Gedanklichkeit je zu einem Eins-Sein mit dem Herrn und dem Himmlischen Vater führen?
Wie groß ist unser Gott - und wie groß Seine Geduld mit uns! "ein neues Gebot gebe ich euch", sagt Jesus, "daß ihr einander liebt, auf daß, gleichwie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebt!" -Joh. 13:34
Wie viel Großzügigkeit hat Jesus im Umgang mit seinen Jüngern gezeigt! Dreieinhalb Jahre, Tag und Nacht, ertrug er in Liebe und Geduld dieses "ungläubige und verkehrte Geschlecht" (Matth. 17:17), das jene damals noch waren. Sollten wir, die wir noch so weit von der Vollkommenheit entfernt sind, nicht noch mehr, noch eifriger bestrebt sein, Ihm nachzueifern?
"Im Wesentlichen einig, im Unwesentlichen verträglich!"
Wir schließen diese Überlegungen mit den Worten des Apostel Paulus an die Gemeinde in Philippi: "Erfüllt meine Freude, daß ihr einerlei gesinnt seid!" - Phil. 2:2
Laßt uns nicht "auseinanderleben"!